Die Flüchtlinge in der Wüste

„Zieh dir die Schuhe aus und setze dich. Aber achte darauf deinem Gastgeber nicht deine Füße entgegen zu strecken.“

Beim Betreten des Zeltes schlägt einem der Geruch nach Ziege entgegen. Es ist kühl unter dem Stoff- und Wellblechdach, wie in einer anderen Welt. Keine Möbel, dafür Matratzen mit großen, einladenden Kissen zieren den Boden. Die Wände sind aus Brettern, Paletten, Planen und Stöcken zusammengezimmert.

Es gibt einige dieser Hütten hier, mitten in der judäischen Wüste. Zum Anwesen des Beduinen Suleiman, unserem Gastgeber, gehören sieben Stück (die Toiletten und sanitären Anlagen nicht mit eingerechnet): ein Empfangszelt, sein Privatzelt, eines für seine Frau, eines für die Kinder, eines für das Essen, ein Tierverschlag und ein Küchenzelt.

Das Empfangszelt Suleimans
Die Beduinenküche

Doch wie kommen diese Beduinenhäuser hierher? Gab es die Beduinen hier schon immer, die wie Suleiman und seine Familie mittlerweile jeden freien Ort in der judäischen Wüste bewirtschaften? Diese Frage beantwortet der Beduinenscheich gerne: „Nein. Der Unabhängigkeitskrieg hat uns aus unserer ursprünglichen Heimat vertrieben.“

Diese Heimat aus der die Jahalin, der Stamm zu dem Suleimans Familie gehört, stammen, liegt im Tel Arad District in der Negev-Wüste, zu noch früheren Zeiten in Südjordanien.

Heute besiedelt der Stamm jedoch große Teile der Westbank, denn bei der Vertreibung in den Jahren 1948-50 wurde er auseinander gerissen. Die israelische Armee erhöhte im Rahmen des Krieges den Druck für die Aussiedelung. Es gab Tote. Zerstörte Häuser. Viele Familien flohen. Nach Jordanien und ins Westjordanland. Einige blieben bis heute im Königreich.

Andere, darunter auch Suleimans Familie, kehrten wenig später auf die andere Seite des Jordans zurück, bekamen jedoch nur Zugang zur Westbank gewährt und konnten ihre alte Heimat in Israel nicht wiedersehen.

Im Gespräch mit einem Beduinen

Doch wie definiert man eigentlich die Heimat eines Menschen, der ein Beduine ist? Der „Bedun“ (was übersetzt ‚ohne’ heißt), also ein staatenloses, (halb-) nomadisches Leben führt?

Suleiman sagt, seine Heimat sei „hier draußen. Hier, wo ihn und seine Familie keiner stört. Wo er die Stille und nachts die Dunkelheit genießen kann. Und wo es Essen und Wasser gibt.“ Er hat also in der judäischen Wüste eine neue Heimat gefunden, sich mit der „Ersatzwüste“ arrangiert. Er fühlt sich nicht dazu aufgerufen, alles daran zu setzen in den Negev zurückzukehren, hat sich von dem Gedanken einer Heimat an einem festen Ort gelöst.

Auf die Frage, ob er keine Gemeinschaft in seiner Umgebung benötige, antwortet er, dass er mehr als ausreichend Gesellschaft besitze. Überall in der judäischen Wüste gäbe es schließlich Beduinen. Viele, ja fast alle, gehörten zu seinem Stamm.

Er definiert seine Heimat also über den Platz, an dem sich seine Familie aufhält, wo sie akzeptiert ist und wo sich seine Besitztümer befinden.

Aber das führt zu  weiteren Fragen: was besitzen Beduinen eigentlich? Gehört ihnen das Land, dass sie besiedeln?

„In meinem Besitz befinden sich vier Kamele und ein Kamelbaby, eine Schafherde und einige weitere Tiere. Über die finanzieren wir unser Leben, in dem wir Käse und Fleisch verkaufen. Außerdem besitze ich die Zelte, eine Zisterne mit Wasserrinne und Wasserleitung.“

Das Land, auf dem all dies existiert, gehört allerdings offiziell niemandem. Seine Familie bekam, als sie nach dem Krieg hierher kam, die Genehmigung dort zu leben. Es gibt keinen Landbesitzer, da keine offiziellen Eintragungen beim Staat darüber vorhanden sind, auch wenn die Palästinenser das Gebiet in der judäischen Wüste für sich beanspruchen möchten.

Außerdem gibt es seit Jahren große Bemühungen auf israelischer Seite die Beduinen umzusiedeln, um die Wüste als nutzbare Fläche, vor allem für militärische Übungsflächen und Firing Zones, zu gewinnen. Als neuer Ort wurde ein Gebiet, eine Art Reservat, nahe Jericho ausgewählt. Das lehnen die Stammesführer jedoch strikt ab, erzählt Suleiman.

„Wir lieben unser Leben hier. Es ist einzigartig. Ich will nicht in modernen Häusern mit neuen Errungenschaften leben. Ich mag die Weite, die Stille und dass wir genug Platz für unsere Schafe und Kamele haben. Aber mir ist klar, dass es für meine Kinder einmal keinen anderen Weg geben wird, dass sie den weltweiten, neuen Lebensstil annehmen müssen.“ Diese haben sich an den neuen Lebensstil schon angepasst – bewundernd betrachten sie unsere Smartphones. Sie fragen sogar nach der Marke: „Is it a Sony?“

Das stimmt den Beduinenvater nachdenklich, weil ihm und den anderen Familienvätern das eigene Wertesystem sehr am Herzen liegt. Gelehrt wird dieses in der Beduinenschule. Jedes Kind bekommt zur Einschulung einen eigenen Schulesel und reitet damit dann quer durch die Wüste zur Schule. Dort werden Mädchen und Jungen bis zum 13. Lebensjahr zusammen, danach getrennt in einem riesigen Zelt unterrichtet.  Während Suleiman als Kind noch Hebräisch lernte, wird heute Englisch gelehrt.

Auch diese Schule würde bei einer Umsiedelung durch die israelischen Behörden für immer ihre Zeltwände schließen.

Aber noch wehren sich die Beduinen dagegen mit all ihren Mitteln. Sie holen sich Unterstützung bei der EU, kämpfen in großen Gerichtsprozessen, unterstützen sich gegenseitig und rücken so das Thema immer mehr in die Aufmerksamkeit der breiten Öffentlichkeit.

Suleiman glaubt, dass die israelische Regierung ein Problem damit habe, dass es über die Beduinen keine direkte Kontrolle gäbe. Die Palästinensische Autonomiebehörde würde das noch durchgehen lassen, aber die Knesset sei da härter. „Da kann auch der eine Knessetabgeordnete, den die Negev-Beduinen stellen, nichts ausrichten. Allerdings“, sagt Suleiman, „lebt dieser auch  unter komplett anderen Umständen.“

Denn die Beduinen im Negev und bei Be‘er Sheva haben  die offiziellen Besitzrechte für ihre Grundstücke inne, sind also tatsächliche Landeigentümer. Das ist auch der Grund dafür, weshalb sie wählen und einen Abgeordneten stellen dürfen.

„Das einzige, was wir dagegen von der palästinensischen Verwaltung bekommen, sind Ausweise für günstigere Krankenbehandlung. Schließlich denken sie, wir würden auf ihrem Land leben, da sind Besitzrechte undenkbar.“ Das einzige, was Beduinen auf beiden Seiten in gleichem Maße erfahren ist Abweisung und Herablassung.

Ob wir in 20 Jahren also noch Beduinenkinder auf Schuleseln zur Schule wackeln oder an der Autobahn die großen Wellblechhütten stehen sehen können, von denen verschleierte Frauen mit großen Krügen zur Zisterne laufen, steht in den Sternen. Erhaltenswert ist dieser Lebensstil allemal, ein Gegengewicht zum Stress in der modernen Welt. Denn, um es mit Suleimans Worten zu sagen: „Die Wüste beruhigt. Es sollten viel mehr Menschen ein Leben führen wie wir – oder es zumindest versuchen. Das würde sie mit Sicherheit zum Positiven verändern.“

Dieser Artikel erschien im Gemeindebrief und Stiftungsjournal der Evangelisch-in-Jerusalem Stiftungen der Erlöserkirche zu Jerusalem

Ein Beduinenjunge wackelt auf seinem Esel zur Schule.

 

 

 

 

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