Unweit von Jerusalem – Leben in einem palästinensischen Flüchtlingscamp

Freiwilliger Ökumenischer Friedensdienst 2015/16 – 2. Bericht

Im Kalandia-Camp: Links ein Haus aus den 40ern, das unprofessionell überbaut wurde.

Es ist für mich kaum zu begreifen, aber es ist jetzt tatsächlich schon ein halbes Jahr her, dass ich in Frankfurt in den Flieger gestiegen bin. Dennoch hat man sich mittlerweile natürlich eingelebt, die Altstadt Jerusalems ist meine Heimat und die Menschen hier meine Freunde.Liebe Freunde, Bekannte und Unterstützer!

In diesem Bericht soll ein Thema herausgegriffen werden, das uns Freiwillige in der Zeit seit Weihnachten besonders bewegt, ergriffen oder vielleicht auch verändert hat. Ich persönlich habe das Gefühl, dass ich jeden Tag Erfahrungen bekomme, die mir Anlass geben würden darüber zu schreiben, doch für diesen Rundbrief habe ich das Thema „Palästinensische Flüchtlinge und ihre Situation im Flüchtlingslager“ gewählt.  Wieso dieses Thema so ergreifend, schrecklich und gleichzeitig trotzdem so interessant ist, erfahrt ihr auf den folgenden vier Seiten.

Was sind eigentlich palästinensische Flüchtlinge? Wieso und wann mussten sie fliehen?

Der Beginn der Geschichte der palästinensischen Flüchtlinge ist gekoppelt an den des Nahost-Konflikt. Wir beginnen im Jahr 1948. Israel, ein jüdischer Staat, wird nach einer gigantischen Migrationswelle (ausgelöst durch Zionismus und Holocaust) auf dem Staatsgebiet des von England besetzten Palästinas gegründet. Das wollen sich die arabischen Staaten rundherum und die palästinensischen Bürger im Land nicht gefallen lassen: Noch in derselben Nacht greifen Sie an. Durch die Überlegenheit in strategischen und militärischen Mitteln gewinnt Israel diesen Krieg jedoch und vergrößert sein Staatsgebiet. Die Palästinenser nennen diesen Ausgang heute immer noch „Al Nabka“, also die Katastrophe. Bei den Israelis gilt dieses Ereignis schlicht und einfach als „Unabhängigkeitskrieg“.

Mit diesem Krieg begann jedoch die Flucht eines Großteils der palästinensischen Bevölkerung, einerseits als Flucht vor Kämpfen, andererseits weil sie von dem israelischen Militär vertrieben wurden.

Nach dem Krieg lagen rund 400 Dörfer verlassen und z.T. zerstört da, auf welchen Israel nun die Gelegenheit hatte neue Städte und Dörfer zu bauen. Die Flüchtlinge aus Palästina verstreuten sich in die umliegenden Ländereien, also das Westjordanland, den Gaza-Streifen, den Libanon und Jordanien, Syrien und Ägypten. In den drei Letzteren bekamen die Flüchtlinge sogar die Staatsbürgerschaft zugesprochen.

Dadurch, dass Palästinenser also in die gesamte arabische Welt geflohen sind, wurde der Konflikt aus dem „kleinen Rahmen“ des israelisch-palästinensischen, in die gesamtarabische Gesellschaft getragen.

Bereits 1948, also noch im selben Jahr wie der Krieg, forderte die UN das Recht auf Rückkehr für palästinensische Flüchtlinge nach Israel oder die Entschädigung für Ihr enteignetes Eigentum, doch diese Forderung blieb bis heute unerfüllt. Deshalb ist auch genau dieses Rückkehrrecht heute noch ein Streitpunkt im Nahostkonflikt.

Wo sind die Flüchtlinge heute?

Nach genau dieser Flucht bildeten sich (wie heute überall in Europa) Flüchtlingslager. 19 davon im Westjordanland, acht im Gazastreifen, zehn in Jordanien, zwölf im Libanon und bis 2011 neun in Syrien. Dort gibt es sogar Palästinenser, die sich am Kampf gegen den IS beteiligen, der Großteil befindet sich allerdings wieder auf der Flucht, meist in den Libanon, aber auch nach Europa oder Ägypten. Selbst in den Gazastreifen sind Palästinenser von Syrien über Ägypten geflohen.

Die Geschichte des Konflikts sorgte mit vielen weiteren Kriegen nach ‘48 dafür, dass immer mehr Palästinenser die Flucht ergriffen. In der arabischen Welt sind und waren die Flüchtlinge außerdem oftmals nicht willkommen, werden und wurden nicht selten diskriminiert und ausgewiesen. Dadurch und vor allem dadurch, dass der Flüchtlingsstatus von Generation zu Generation weitergegeben wird, kommt es, dass mittlerweile über 1,7 Millionen palästinensische Flüchtlinge (ein Drittel der Gesamtheit) in den 58 eben genannten Lagern ihr Dasein fristen, Tendenz steigend (geschätzte palästinensische Flüchtlingszahl auf der Welt: 5,3 Millionen).

Wenn man sich einmal diese gewaltige Zahl vor Augen führt, wird einem erst klar, wie bedeutend sie ist. 5 Millionen Menschen (die meisten von ihnen bereits Nachfahren der 1948 Geflohenen), geflohen aus einem Land, so groß wie Brandenburg. Zum Vergleich: Brandenburg hat 2,45 Millionen Einwohner. Alle diese Menschen gehen davon aus, dass Sie einmal in „ihr Land“, in „ihre Heimatorte“ bzw. der ihrer Eltern oder Großeltern  und teilweise alten Häuser zurückkehren können. Dass diese größtenteils gar nicht mehr existieren, wollen die Leute nicht hören, geschweige denn annehmen, da das für sie selbst bedeuten würde, dass sie eventuell gar nicht zurückkehren können und Ihre Flucht dann einen gewissen Grad von Sinnlosigkeit mit sich bringen würde.

Eine Straße im Camp.

Das Kalandia-Camp

Am 04. April bot sich mir nun die Gelegenheit, eines dieser Camps, das Kalandia Camp zu besichtigen. Frau Dr. Ute Jarchow, Mitarbeiterin der GIZ (Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit) hatte diesen Einblick organisiert.

Das Camp liegt bei Ramallah in der Westbank. Hier leben insgesamt ca. 11.000 Flüchtlinge.

Das Kalandia-Camp ist hier besonders bekannt:

Der nebenan liegende Checkpoint nach Jerusalem ist immer wieder Unruheherd und wird Ort von Clashes, also Konflikten zwischen Polizei und radikalen Palästinensern.

Des Weiteren kamen die meisten der Attentäter, die im letzten halben Jahr die Attentate auf die israelischen Polizisten ausgeübt haben, aus diesem Camp.

Daher war es für mich außerordentlich interessant, mich einmal selbst in diesem Camp umzusehen.

UNWRA und der Flüchtlingsstatus

Die GIZ, die uns wie erwähnt den Zugang ermöglicht hat, arbeitet hier mit UNWRA zusammen, der UN-Institution, die 1948 gegründet wurde, um den Flüchtlingen zu helfen und ihnen beim Aufbau eines Arbeitsprogrammes zu helfen. Das Mandat von UNWRA ist, die Flüchtlingscamps in erster Linie mit struktureller und humanitärer Hilfe zu unterstützen.

Die Flüchtlinge aus Palästina haben dank der UNWRA (United Nations Relief and Works Agency for Palestine Refugees) in der Welt übrigens einen Sonderstatus.

Sie fallen nicht unter die 1951 von der UN verabschiedete Flüchtlingskonvention, die sonst auf alle anderen Flüchtlinge auf der Erde angewendet wird, sondern haben ihre eigene.

Demnach sind palästinensische Flüchtlinge als Personen definiert, deren ständiger Wohnsitz zwischen Juni 1946 und Mai 1948 in Palästina lag, die ihren Wohnsitz und ihre Lebensgrundlage durch den Arabisch-Israelischen Krieg von 1948 verloren haben und auch diejenigen, die ihren Wohnsitz erst 1967 im Krieg verloren haben. Das Besondere dabei ist, dass dieser Status an die Nachkommen der männlichen Flüchtlinge vererbt wird, sofern sie sich im UNWRA-Einsatzgebiet befinden. Das bedeutet, dass teilweise Jugendliche von ihrer Heimat im heutigen Israel sprechen (z.B. der Stadt Haifa im Norden), obwohl sie selbst und ihre Eltern nie dort waren.

Die Menschen in den Camps bleiben größtenteils nur aus Überzeugung hier. Aus stillem Widerstand und dem Festhalten am Grundgedanken der Rückkehr in die Heimat ihrer Vorfahren. Zu gehen und anderswo zu leben stünde Ihnen nämlich aus rechtlicher Sicht jederzeit frei.

Viele haben allerdings realistisch gesehen auch keine anderen Möglichkeiten, als im Camp zu bleiben. Oft haben sie kein Geld, große Familien oder auch keine Einbürgerungsmöglichkeiten in anderen Ländern.

Der erste Eindruck

Lärm. Viel Verkehr. Überall Müll. Baufällige Häuser. Kaum Platz.

Das sind die ersten Eindrücke, die man bekommt, wenn man das Lager betritt. Doch dabei ist das Lager gar nicht mehr explizit als solches zu erkennen. Es ist in die Stadt Ramallah „hineingewachsen“.  Es gibt keine Zelte mehr, wie in Europa oder Baracken, die Leute leben in Häusern.

Uns wird erklärt: „Hier, rechts von der Hauptstraße liegt das Lager. Das da drüben auf der anderen Straßenseite ist noch die Stadt.“ Wir warten in einem Treppenhaus auf unseren Gruppenführer, der gute Ortskenntnis besitzen soll. Neben uns machen arabische Jungen Faxen, draußen sind ca. 25 Grad und Sonne. Kaum ist der GIZ-Mitarbeiter da, machen wir uns auf den Weg in das Camp.

Erste Station: Ein Frauencenter. Durch einen Eingang in einem Weg zwischen zwei Häusern steigen wir in einem vermüllten Treppenhaus bis in den dritten Stock. Dort hängt an der Eingangstür ein Schild auf dem ein Schriftzug „Dieses Projekt wird finanziert durch die KfW-Bank“ oder so ähnlich zusammen mit einer Palästina und einer Deutschlandflagge zu sehen sind. Wir betreten die Räumlichkeiten hinter diesem Schild und sind nicht sehr beeindruckt. Ein einfach gehaltener Raum mit 3-4 Schränken, zwei Tischen und Plastikstühlen. Um die zehn Frauen sind hier gerade an der Arbeit. Sie stellen Federtaschen, Geldbörsen, kleine Taschen, aber auch Schmuck und Kleidung im traditionellen Stil her. Als die Chefin der Einrichtung uns erblickt, werden wir jedoch sehr herzlich begrüßt und gebeten, uns an einen der Tische zu setzen.

Dann hören wir, wie derzeit die Situation im Lager aussieht.

Sie erzählt z.B. von der ärztlichen Versorgung. Es gibt ein Krankenhaus (sogar direkt neben dem Gebäude in dem wir uns gerade befanden) von der UN. Hier sitzt ein Arzt, der am Tag (!) ca. 200-300 Patienten behandelt. Das bedeutet jeder Patient hat nur zwei oder drei Minuten, um untersucht zu werden. In dieser kurzen Zeit entscheidet der Arzt, ob der Patient an eines der Krankenhäuser in umliegenden Städten verwiesen wird oder ohne weitere Behandlung klar kommt.

Das Medical Center der UN

Weiterführend bekommen wir etwas zur Infrastruktur erzählt.

So ist es z.B. in der Westbank nicht erforderlich, dass Baugenehmigungen erteilt werden, weshalb jeder einfach irgendwie und irgendwo baut. Das ist gerade in Gegenden wie den Flüchtlingslagern sehr gefährlich, weil teilweise auf feuchtem und rutschigem Untergrund und sehr eng gebaut wird. Teilweise werden aus Platzmangel einfach Gebäude aufgestockt, außerdem werden Häuser aus der Gründungszeit des Camps oft mit modernen Bauten verbunden, ohne, dass ein Statiker oder Ingenieur um Rat gefragt wird.

Während die Dame uns das erzählt, sehe ich aus dem Fenster. Um uns herum stehen überall genau diese Wohnhäuser, teilweise mit keinen drei Metern Abstand voneinander. Beim Gedanken an ein Erdbeben, welches in dieser Region derzeit jederzeit auftreten kann, wird mir fast schlecht.

Sie erzählt noch viel mehr zu z.B. Versicherungen und den Israelis, die ins Camp kommen und etwas zerstören, aber dazu später mehr.

Nach diesem halbstündigen Gespräch beginnen wir mit dem Rundgang. Was in den Straßen generell auffällt, ist, dass überall an den Wänden Plakate hängen. Auf diesen Plakaten sind Bilder von Männern in etwa meinem Alter abgebildet, dazu arabische Texte und die Farben Palästinas. Es sind Hunderte. Diese Männer waren die Attentäter seit Oktober letzten Jahres, die beim „Kampf gegen die israelischen Besatzer“ gestorben sind und nun als Märtyrer gefeiert werden. Der Text bedeutet so viel wie „wir trauern mit seiner Familie um diesen Helden“.

Die Häuser sind schlichte Betonhäuser, einfach verputzt, die Wasserleitungen sind Schläuche, die vom Dach durch Fenster in Wohnungen führen. Fließend Wasser gibt es nur einen Tag in der Woche. Deshalb wird bei fast jedem Haus das Wasser in Tonnen auf dem Dach gesammelt. Wir biegen links ab, in einen ca. 80 cm breiten Gang in einen Hinterhof.

Zu Gast bei Flüchtlingen

Hier bekommen wir von einer Dame aus dem Frauencenter stolz ihr Heim gezeigt. Ein ca. 5-6 m² großer Raum mit drei kitschigen Sesseln und sehr viel Krimskrams auf den Schränken, der davon ablenken soll, wie marode der Betonbau eigentlich ist, bildet das Wohnzimmer. Die Luftfeuchtigkeit ist fast unerträglich, an der Decke sieht man wie feucht es ist. Die Küche, ca. 3 m² groß, ist sehr behelfsmäßig zusammengezimmert. Ein paar Bretter zusammengenagelt bilden einen Schrank. Daneben ein Herd und ein winziges Waschbecken. Von der Küche gehen, ein Hamam, also ein Badezimmer, welches aber verschlossen war und ich vermutlich auch lieber gar nicht sehen will, sowie ein kleines Zimmer für den ältesten Sohn (23) ab. Dieser ca. 4m² große Raum versetzt mir einen Schock, wie kein anderer in dieser Wohnung.  Im hinteren Teil der fensterlosen Kammer liegt altes Gerümpel rum, das scheinbar keiner mehr benutzt, davor stehen ein kleines, klappriges Bett und ein winziger Schreibtisch mit einem Computer darauf. Die Vorstellung, dass hier ein Jugendlicher, fast in meinem Alter aufgewachsen ist und seine Jugend verbracht hat, lässt mich schaudern.

Was muss das für ein Leben sein? Mit fünf Personen in einer Wohnung die insgesamt vielleicht 14m² umfasst und wo eine sehr hohe Luftfeuchtigkeit von gefühlt 80% herrscht? Das möchte ich mir lieber nicht vorstellen.

Während des Aufenthalts in dieser Wohnung, der ja nur wenige Minuten gedauert hat, hat sich mein Selbstbild schlagartig verändert.

Man wusste ja schon immer, dass es einem als deutschen EU-Bürger gut geht. Aber zu sehen und zu fühlen, was für Lebensumstände Menschen in solchen Camps aushalten müssen und wie stolz sie trotzdem auf ihre Wohnung und ihre Situation sind, dabei zu hören, dass die Bedingungen in diesem Lager noch gut seien und dass die Bewohner sich nicht unterkriegen lassen, zeigt einem erst so richtig, was für ein Luxusleben wir doch führen und wie Menschen hinter einem Gedanken stehen müssen, um freiwillig solch ein Leben zu führen.

Im Hause eines Attentäters

Die Tour geht weiter. Aus der beklemmenden Wohnung hinaus in einen Außenbezirk des Camps direkt an der Mauer. Hier stehen wahre Nobelhäuser von Flüchtlingen, die viel Geld besitzen, aber aus Prinzip im Camp bleiben. Überall hängen gelbe Fahnen. Das Zeichen der Fatah, einer der beiden großen Palästinensischen Parteien (neben Hamas). An einem der Häuser machen wir halt. Dies ist das Haus der Familie von einem der Männer, die vor ein paar Wochen ein Messerattentat versucht haben und dabei von den israelischen Polizisten erschossen wurden. Überall in der Nachbarschaft hängen Plakate mit seinem Bild. Sein ernster Blick, der uns beim Betreten des Grundstückes entgegenschaut, lässt mir einen Schauder über den Rücken laufen. Bevor wir das Haus betreten, wird uns erzählt, was es mit dem Gebäude auf sich hat:

Vor ein paar Tagen seien die Israelis ins Camp gekommen und hatten angekündigt, dass das Haus geräumt werden muss.

Warum?

Weil potenziell gefährliche Gebäude laut Gesetz eliminiert werden dürfen.

Und da das Haus in der sogenannten C-Zone steht, also einem Gebiet, auf das die Israelis jederzeit Zugriff haben, ist es diesen schutzlos ausgeliefert.

In dem Haus wohnen die Eltern, Geschwister, Großtante-und Onkel und Großeltern des Attentäters. Da von den Großeltern laut Einschätzung der israelischen Regierung keine weitere Gefahr ausgehe, dürften sie im Erdgeschoss wohnen bleiben, aber die oberen drei Stockwerke würden in den nächsten Tagen abgerissen werden. Wann? Das überlege man sich spontan.

Unser Gruppenführer erklärt uns, dass die ganze Familie also vorerst in einen „Saferoom“ im Erdgeschoss gezogen sei und nun abwarten müsse. Zwischendurch seien schon die israelischen Ingenieure dagewesen und hätten begutachtet, wie man das Haus am besten einreißen könne.

Wenn in anderen Fällen mehrere Familien in einem Haus wohnten, erzählt er weiter, würde in der Regel einfach ein Stockwerk mit Beton aufgefüllt. Diese Taten sollen dann so etwas wie Vergeltungsschläge der Israelis für die Attentate darstellen.

Doch zwei Fakten zeigen dabei deutlich, wie sinnlos diese Aktionen sind: 1. in der Regel verschaffen sie der israelischen Regierung weder in den Camps, noch im Umfeld Respekt, 2. Sind sie (bitte keinesfalls falsch verstehen, ich verurteile jegliche Art Gewalttaten und palästinensische Attentate aufs Schärfste) in keinem Fall gerechtfertigt.

Gehen wir dieses Szenario doch einmal zuhause durch.

In Deutschland geht z.B. ein wildgewordener AfD-Anhänger mit einem Messer auf Polizisten los. Würden sie Ihn sofort erschießen? Würde man danach nach Leipzig fahren, einer Mutter, die gerade ihren ältesten Sohn verloren hat die Haustür eintreten und mit dreitägiger Vorankündigung das Haus seiner Familie einreißen?

Ich denke das Resultat dieses Gedankenspiels kann sich jeder vor Augen führen und zeigt deutlich, wie der Alltag in dieser konfliktbehafteten Welt aussieht. Nach einem Vortrag eines uns bekannten Professors vor einigen Tagen bei uns in der Propstei entnommen, kann man sagen: Aktionen wie diese entsprechen nicht dem internationalen Völkerrecht.

Ich persönlich sage nur so viel: ein so gespenstisches Gefühl, wie in dem Moment, als wir die ausgeräumte, zwangsenteignete Wohnung im zweiten Stock des Gebäudes betreten, hatte ich, denke ich, wohl noch nie zuvor in meinem Leben.

Fazit des Besuchs

Wir sprechen oft über die Flüchtlingsproblematik in Deutschland. Das ist auch richtig. Im Jahr 2014 sind z.B. 1,5 Millionen Migranten nach Deutschland gekommen. Doch fast eine Million von Ihnen sind auch wieder gegangen. Bei den palästinensischen Flüchtlingslagern ist das anders. Eine Abschiebung oder etwas Ähnliches gibt es nicht. Die Familien leben seit 68 Jahren auf engstem Raum, weil sie den Status des Flüchtlings, der auf seinem Recht besteht, wieder in seine alte Heimat zurückzukehren, nicht ablegen wollen. Dadurch stecken sie in einer misslichen Lage: Auf der einen Seite sind sie Flüchtling und Opfer, auf der anderen Seite aber auch aktiver Bürger. Wenn man sich zu sehr das eine Leben aufbaut, würde das der anderen Lebensweise deutlich entgegenstehen.  Das bedeutet: Nur wenn beide Perspektiven gesehen werden, ist es möglich, eine Konfliktlösung anzusteuern.

Statt einen Aufbau von zivilisierten Strukturen zu erstreben, sterben jedoch weiterhin Jugendliche, die aus Verzweiflung versuchen Soldaten zu erstechen, weil sie keine Perspektive in ihrem Heimatland haben. Sie steigen dadurch in den Camp-Strukturen zu Helden auf und verleiten Nachfolger. Das ist der Ausdruck von einer Verzweiflung, die oft in der palästinensischen Bevölkerung zu finden ist.

Genauso viele Menschen sind aber auch einfach glücklich, ein Dach über dem Kopf und eine Gemeinschaft um sich herum zu besitzen. Sie finden ihr Glück im Kleinen (oft natürlich auch gezwungenermaßen). Doch was zeigt uns diese extreme Spanne an Gefühlen? Es zeigt, dass die Strukturen in den Camps viel zu komplex sind, als dass man EINE Lösung finden könnte.  Es zeigt, dass die Menschen selbst oft nicht mit den Problemen auf politischer, sozialer, kultureller und wirtschaftlicher Ebene umzugehen wissen. Zum Glück sind dazu die internationalen Hilfsorganisationen im Lager: Um die Verzweiflung auszuräumen und um den Flüchtlingen beim Aufbau guter Lebensbedingungen zu helfen und den Widerspruch in ihrem Leben abzuschwächen und vielleicht sogar irgendwann zu beseitigen. Vielleicht sieht der nächste Freiwillige, der dann das Camp betritt und darüber berichtet, ja keine Opfer mehr, sondern selbstbewusste, zukunftsgerichtete Menschen, die zwar Flüchtlinge sind, sich aber deswegen nicht verstecken müssen.

Ich bedanke mich weiterhin bei allen meinen Unterstützern, die mir diese wunderbare Zeit hier ermöglichen!

Mit ganz lieben Grüßen nach Deutschland verbleibend,

Leander 🙂

 

 

*** Nachtrag***

Jordi kommentierte am 29. April 2016 um 19:03:

Klasse geschrieben! Größten Respekt für euren Mut 🙂
Grüße Jordi

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