Geier, Schnee und Sonnenuntergänge – Das Frühjahr in Jerusalem

Liebe Freunde!

In den letzten Tagen, Wochen, ja mittlerweile 2,5 Monaten, habe ich hier Einiges erlebt.

Ich hoffe ihr habt Verständnis dafür, dass die Berichterstattung sehr ins Stocken geraten ist, weil ich sehr viel zu tun hatte. Derzeit leiste ich Arbeit für zwei (meine Mitvolontärin Gesine hat 20 Tage Urlaub, weil ihr Freund da ist), wir hatten Seminar und neben der Arbeit gibt es ja auch alltägliche Dinge zu tun.

Natürlich waren auch wieder viele Ausflüge dabei, die auch in Deutschland interessant gewesen wären: so waren wir z.B. im Kino bei Star Wars, aber lieber möchte ich auf die für alle interessanten Themen, die Themen aus dem Land, hier eingehen. Deshalb hier die Highlights meiner Zeit seit Silvester.

Das wohl Spektakulärste war unser Trip in die Golan-Höhen. Die Tour begann mit dem Zelt und Schlafsäcken im Gepäck in Jerusalem, wo wir Volontäre, also Kathrin, Jasper, Simon und Ich es schafften, uns ein Auto zu mieten (Simon durfte mit 21 schon fahren). Erstes Ziel war Caesarea.

Caesarea ist eine von den Römern (bzw. Klientelkönig Herodes) zwischen 22 und 10 v.Chr. erbaute Stadt, die später zu einer wichtigen Kreuzfahrerfeste werden sollte.

Zu bewundern sind hier also Überreste römischer Stadtanlagen, wie z.B. ein Theater, ein Hippodrom (Circus für Pferderennen), Geschäftsstraßen, Bäderanlagen, ein Aquädukt und ein Herrscherpalast. Dadurch, dass Caesarea schon in der Antike eine oströmische Metropole war und den zweitgrößten Hafen des Reiches sein Eigen nennen konnte, ist heute noch sehr viel erhalten.

Nach diesem ersten Stop ging es weiter Richtung Norden. Und wenn ich sage Norden, dann meine ich Norden. Wir hielten nämlich als nächstes in Rosh Hanikra, einem der am nördlichsten gelegenen Punkte in Israel. Hinter einer Mauer, so wussten wir, lag der Libanon. Was uns jedoch hierherzog, waren die Höhlen am Meer. Man fuhr mit einer Seilbahn hinunter und konnte dann einen kleinen Rundgang durch diese machen. Das blaue Schimmern und die Formen der Felsen zogen uns sofort in ihren Bann.


Nachdem wir uns hier abschließend noch einen kurzen Infofilm anschauten, genossen wir den Sonnenuntergang am Meer und stiegen dann wieder in unser Auto. Die Fahrt ging weiter nach Qiryat Shemona, wo wir etwas Proviant einkauften.

Übernachtet haben wir in der Nähe von einem Ort namens Dan.

Es wurde nachts zwar ganz schön kühl (8°C), aber als Deutsche war das für uns kein Problem.

Nach einem guten Kaffee am Morgen fuhren wir auf direktem Weg weiter zu dem Hauptziel unserer Reise: dem Mount Hermon. Schnee sehen. Das gelang uns auch, denn der Mount Hermon ist tatsächlich der einzige Berg, auf dem man in Israel regelmäßig Skifahren kann. Wir sahen uns dort um, doch aus unserer geplanten „Schneewanderung“, die wir uns vor dem Trip erträumt hatten, wurde leider nichts, da überall um die zwei kleinen Ski-Pisten herum alles Eigentum des Militärs ist und wir ungern durch Minengebiete oder Firing-Zones (Übungsgebiete für Militäreinsätze) wandern wollten.

Auf einer Straße bei Masade.

Also beschlossen wir, nach unserem kleinen Abstecher in den Schnee, ein wenig den Norden zu erkunden. So durchfuhren wir einige Drusendörfer, wie z.B. Masade, sahen uns einen Bergsee an und fuhren dann weiter in die Richtung der syrischen Grenze.

Blick auf Syrien in der Nähe der Stadt Quanitra, mit ziemlicher Sicherheit ein Häuserkampf zwischen Rebellen und Assads Armee

Dort hielten wir an diversen Aussichtspunkten, um uns einen Überblick zu verschaffen. Einer davon war der sogenannte Berg Bental. Auf dem geschah etwas, was ich in meinem Leben niemals vergessen werde.

Erst wunderten wir uns, was das für komische Wolken am Horizont waren. Als wir genauer hinsahen, erkannten wir, dass es eine Mischung aus Staub und Rauch war.

Nach ca. 30 Sekunden (weil sich das Haus, von dem der Rauch aufstieg in einer ziemlich großen Entfernung befand) hörte man letztlich auch den Knall. Ein tiefes, markerschütterndes Grollen, das sogar den Boden zum Beben brachte.

 

Erst wenn man das Leid dieser Menschen, die Zerstörung und die Gewalt, die in diesem Krieg steckt so hautnah mit ansieht, lediglich dann kann man meines Erachtens einen Hauch der Verzweiflung nachvollziehen, mit der die Syrer nach Deutschland oder Europa kommen. Dieses Erlebnis hat mir wirklich die Augen geöffnet, sodass ich mir jetzt schon für die Zeit nach meiner Rückkehr nach Deutschland sage: jetzt erst recht! Gegen Rechts, gegen die AfD und vor allem gegen die „besorgten Bürger“, denen man dringend die Augen öffnen muss.

Nachdem wir für eigenes Empfinden genug gesehen hatten, stiegen wir wieder ins Auto. So nahmen wir Kurs auf den nächsten Halt, Quatzrin, die Hauptstadt des Golan. Dort angekommen waren wir nicht sonderlich beeindruckt. Sie ist zwar eine nette Kleinstadt, aber irgendwie hatten wir uns unter Hauptstadt etwas anderes vorgestellt.

Hier kauften wir uns eine CD, die für uns nun für immer die „Golan Road Trip“-CD werden sollte. Insgesamt haben wir dieses Meisterwerk des israelischen Pops auf der Reise drei Mal durchgehört. Eine sehr spaßige Angelegenheit, da keiner von uns ein Wort hebräisch spricht.

Weiter ging`s zum Abendessen nach Tiberias. Nach einiger Suche fanden wir eine Pizzeria, wo wir diese Wagenräder bekamen und auch alle aufaßen. Reisen macht schließlich hungrig.

Die nächste Nacht verbrachten wir am Jordan zwischen den Golan-Höhen und der Stadt Tiberias, in der Nähe einer alten Brücke. Dabei konnte man abends den wunderschönen Sternenhimmel beobachten.

Am nächsten Morgen standen wir früh auf: der Nationalpark Yehudiya stand auf dem Plan.

Also ging es wieder in den Golan. In diesem Nationalpark (der Schönste, den ich bis jetzt gesehen habe) gab es einen riesigen Wasserfall und einen dschungelartigen Flusslauf zu bestaunen. Wir sahen, dadurch dass wir fast die einzigen Besucher an diesem Tag waren, eine ganz besondere, naturbelassene Welt, ja sogar Schildkröten bei der Paarung, Klippschliefer (eine Mischung aus Murmeltier und Kaninchen?) und Forellen beim Fressen.

 

Einen weiteren Nationalpark, den wir uns ansahen war Gamla, wo eine historische jüdische Stadt am Berg liegt und ein seltenes Tal zu sehen ist, in welchem Geier leben.

Am linken Berghang befindet sich die historische Stadt.

Auf unserem Rückweg schauten wir uns noch kurz das Städtchen Afula an, wonach wir, abends zuhause angekommen, todmüde in unsere Betten fielen.


Besuch von Thomas Gottschalk

Ein weiteres Highlight war, dass Thomas Gottschalk in der Dormitio Abtei auf dem Zionsberg zu einer Lesung aus seiner Autobiographie kam. Insgesamt gab es nur 80 Plätze. Es war sehr spannend,  mal einen Menschen mit einer solchen Persönlichkeit kennen zu lernen. Um wenigstens so viel zu sagen: Im Fernsehen wirkt er genau so, wie er auch im kleinen Rahmen ist: sich seines Status bewusst, aber dennoch bodenständig und kein bisschen arrogant.

 

 

 

Zunahme des Terrors

Soldaten in Bereitschaft am so streng bewachten Damascus-Gate.

Seit einigen Wochen nimmt der Terror hier im Land wieder zu. Wie vorgestern in der Tagesschau zu sehen war, greift die Gewalt wieder um sich. Am Damaskus-Tor geschehen wieder Anschläge, vorgestern gab es ein Autoattentat am New-Gate und in Jaffa wurde ein Tourist erstochen. Wie immer gilt es für uns aber weiterhin die Ruhe zu bewahren und sich nicht verrückt machen zu lassen. Natürlich ist es übel, wenn man bei einer Party mit Studenten auf einem Dach in der Altstadt feiert und das ganze durch die Geräusche eines Feuergefechtes in unmittelbarer Nähe unterbrochen wird. Das Problem ist, dass man direkt nichts dagegen tun kann. Deshalb bleibt weiterhin nur abwarten und auf eine Beruhigung der Lage hoffen.

Gesine und Ich bringen gute Stimmung an einen Ort des Terrors.

Trip ans Tote Meer
An einem schönen Sonntag im Februar sind wir nach Ein Bokek, DEN Kurort am Toten Meer gefahren. Gabriele Zander, die Pastorin der Himmelfahrtskirche auf dem Auguste-Viktoria-Compound auf dem Ölberg (gehört zu unserer Gemeinde) hat dort einen Gottesdienst in einem der Hotels gehalten, was uns Zeit gab,  zu baden. Das prickelnde Gefühl, wenn man das Wasser betritt,  ist ja schon etwas Besonderes, aber die „Freiheit“, die man verspürt, wenn man sich hinsetzt,  ist schöner, als alle Stimmen, die genau das immer zu beschreiben versuchen. Es war definitiv nicht das letzte Mal für mich, das kann ich mit Sicherheit sagen. Einer der netten Nebeneffekte ist nämlich, dass man eine Haut wie ein Baby bekommt, ganz weich und samtig. 🙂


Zwischenseminar in Nazareth

Wie anfänglich schon erwähnt,  fand Anfang März auch unser Zwischenseminar statt. Ort dafür war Nazareth, die Stadt, aus der Maria stammen soll und in der Jesus aufgewachsen sei. Ziel war es,  das erste halbe Jahr zu reflektieren und uns auf das noch kommende halbe Jahr vorzubereiten. Dabei lernten wir auch die Gegend von Nazareth ganz gut kennen und hatten viel Spaß.

Unser arabisch-deutsches Fußballmatch.

Ausblick und Graffito an einer Wand in Nazareth.

Die Verkündigungskathedrale in Nazareth.

Mea She’arim und anschließendes Beratungsgespräch

An einem freien Tag hatte ich Anfang März des Weiteren noch ein sehr eindrückliches Erlebnis, dass ich Euch nicht vorenthalten will. Magnus und Ich hatten beschlossen nach meinem Rezeptionsdienst einen Spaziergang durch Me’a She’arim (s. älterer Artikel => streng orthodoxes jüdisches Viertel) zu machen.

Wir wollten dabei so wenig wie möglich auffallen und haben uns dementsprechend gekleidet (Kippa und Anzug mit weißem Hemd).

Magnus und Ich als „Undercover-Juden“ 😀

So gingen wir also los, um das Viertel mal etwas genauer unter die Lupe zu nehmen, kamen durch Ge’ula und stießen durch Zufall auf die Schneller-Schule Jerusalems, ein von deutschen Auswanderern gegründetes Syrisches Waisenhaus, das schon seit 1935 nicht mehr in Betrieb ist und danach nur als Militärbasis der Briten und danach Israels genutzt wurde. Dabei bekamen wir dank eines dort arbeitenden Israeli auch die Möglichkeit,  uns innerhalb des Gebäudes umzusehen. Das war sehr interessant. Was uns aber noch mehr interessierte, war die Frage, was mit dem historischen Gebäude und der umliegenden Anlage passieren würde. Schließlich wurde überall gebaut, aber nirgendwo standen Schilder.

Der Innenhof.

 

Teil der Sporthalle (unter der Empore/Tribüne).
Glockenturm.
Die Sporthalle mit einem umgefallenen Baketballkorb.
Turmzimmer.
Die ehemalige Sporthalle.

In dem Gebäude wurden wir sofort gebeten uns zu setzen und nach unseren Namen gefragt. Mir war die Situation so suspekt, dass ich stumm blieb, aber Magnus sagte seinen Vornamen. Als die Mitarbeiterin der Agentur seinen Namen nun in den PC eintippte, fragte er mich nur entgeistert „Was wird das denn jetzt?!“. Dass die gute Dame auch deutsch verstand, wussten wir zu dem Zeitpunkt noch nicht.
Wir fragten schließlich einen Sicherheitsmann, der das Gelände bewachte. Die einzige Antwort, die wir bekamen war: „Kommt in einem Jahr wieder, dann seht ihr‘s.“ Solange wollten wir aber nicht warten. Deshalb lehnten wir uns lässig gegen das Fenster eines Hauses, das scheinbar für die Verwaltung zuständig war und fragten die jüdische Mitarbeiterin, was denn hier entstehe. Diese warf einen Blick auf unsere Anzüge und hielt uns offensichtlich für vertrauenswürdig, denn sie lud uns ein,  hereinzukommen.

Im folgenden Gespräch stellte sich ziemlich schnell heraus, dass man uns eine Wohnung verkaufen wollte. Man hatte uns nämlich dank unseres Auftretens und Aussehens für junge, neureiche, deutsche Juden gehalten, denn die 3-Zimmer-Wohnung, die man uns nun verkaufen wollte, kostete „nur“ 750.000 Euro. Vor allem als Investmentimmobilie, eben erbaut im neuesten Nobelbezirk Jerusalems, ein wahres Schnäppchen.

Immer suspekter wurde mir das Gespräch, als die Dame dann anfing, mit uns über unsere jüdischen Gemeinden in Deutschland zu sprechen. Zum Glück kamen wir mit sehr unverfänglichen Aussagen durch. Generell verwandelte sich die Unterhaltung dennoch immer mehr in ein Gespräch über uns und unsere Herkunft. Die jüdische Beraterin vor uns kam nämlich aus Wien und erzählte, dass sie nie in Deutschland leben könnte, weil dort doch so viele Nazis leben würden. Sie selbst hätte ja auch das Problem der „Arabs“ (meist als abfälliger Begriff für Palästinenser benutzt), aber wir müssten keine Angst haben, wenn wir auf die Straße gingen, die gäbe es nur im Osten der Stadt (natürlich wusste sie nicht, dass wir dort wohnen).

Allgemein war sie dennoch immer sehr höflich und nett, obwohl ich bei dem Gedanken, dass wir auffliegen könnten, immer mehr ins Schwitzen geriet.

V.a. nach Aussagen wie „natürlich sei keine diese Wohnungen an Ungläubige verkauft worden“, wollte ich am liebsten einfach den Raum verlassen.

Am Ende der Unterhaltung bekamen wir noch einen guten Tipp, wo man fleischig (Juden essen koscher, also entweder milchig oder fleischig) gut essen gehen könne und wurden nach unserer Telefonnummer gefragt. Ich, dem man während des Gesprächs die ganze Zeit sehr deutlich angesehen haben muss, dass mir die Situation unangenehm war, saß einfach nur resigniert da und verwies auf Magnus. Der wiederum legte eine Meisterleistung hin, indem er ihr erzählte, dass er kein Telefon habe. Weder zuhause noch mobil, da der Vertrag in Deutschland ausgelaufen sei und er sich noch kein neues zugelegt habe.

Wir wurden im Endeffekt bis vor die Tür begleitet und mit den üblichen jüdischen Floskeln verabschiedet, auf die wir nur ein sehr stumpfes „schönen Tag noch“ erwiderten. Dieses Gespräch war so ziemlich das Lustigste, aber auch zugleich Aufregendste, dass ich hier bis jetzt geführt habe. Aber immerhin: als Juden überzeugen wir scheinbar. Vielleicht sollte ich doch eine Karriere als Agent anstreben…

Und nun noch ein paar bildliche Eindrücke der letzten Wochen:

Open House beim Propstehepaar 

Geburtstag von Heidrun im Café

Mittagspause in Rishon LeZion am Strand, während eines anstrengendem Arbeitstages

Geniales Wetter

Der Kampfmittelräumdienst vor unserer Tür

(Es wurde ein verdächtiger Rucksack gefunden, war aber ein Fehlalarm)

Twilight over Berlin Ausstellung im Israelmuseum

Und selbstverständlich gaaaaanz viel Spaß bei der Arbeit.

 

Ich grüße Euch alle ganz lieb und freue mich immer von Jedem zu hören.
Schreibt mir gerne. 🙂
Euer Leander

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