Aktuelle Sicherheitslage in der Altstadt

Allgemein

Guten Morgen!

Wie angekündigt möchte ich mich an dieser Stelle einmal zur Sicherheitslage vor Ort äußern.

In Deutschland bekommt man über die Medien bestimmt ein Wenig von dem mit, was hier so abläuft.

Aber eben auch nur einen Bruchteil von dem, was wichtig wäre, um die Situation zu verstehen oder einzuschätzen.

Vorweg: Für uns ist die Lage nicht einfach. Wir sind deutsche Christen in einem Konflikt zwischen muslimischen Palästinensern und jüdischen Israelis. Wir möchten keine Partei ergreifen, sondern haben eher so etwas wie einen Vermittlerstatus. Je mehr Menschen vor Ort man kennenlernt und je tiefer man in die hiesigen Strukturen eintaucht, desto schwerer fällt einem das, aber ich denke, ich kann sagen, dass alle hier die Aufgabe ziemlich gut meistern.

Kommen wir zum Inhaltlichen.

Jerusalem ist zur Zeit keine sichere Stadt, vor allem nicht an den Hotspots. Wer sich da etwas Anderes vormacht, belügt sich selbst.

Hier die harten, offiziellen Zahlen (ohne Dunkelziffern!):

In 10 Tagen (1.-10. Oktober) wurden 650 Palästinenser inhaftiert, über 1000 Verletzt und sind knapp 30 erschossen worden (darunter zwei Kinder im Alter von 12 und 15 Jahren).

Alleine vorgestern gab es in der Westbank fast 300 Verletzte, gestern bei einer Demo in Gaza wurden 145 Palästinenser verletzt und 7 getötet.

Es wird grundsätzlich scharf geschossen.

Alleine in Jerusalem wurden viele Menschen angeschossen, erschossen und einige Polizisten angestochen. Die Meisten von Ihnen in unmittelbarer Nähe zu unserer Wohnung, am Damaskus-Tor, nicht selten hört man hier die Schüsse.

Nachts fliegen fast ununterbrochen Hubschrauber. An jeder Kreuzung sitzen Security-, Militär- und Polizeieinheiten.

Eine neue Bekannte, mit der ich mich gerade unterhalten habe (eine christliche Palästinenserin) hat erzählt, dass gestern neben ihrer Schule eine Schießerei zu hören war.

Es ist sehr verwirrend, dass man hier (natürlich aufgrund des Konflikts sehr unterschiedliche Berichterstattungen hat; jeder hat das Ziel für seine Seite zu manipulieren.

Es gibt einige wenige relativ sachlich berichtende Medien. Wenn man diese von beiden Seiten vergleicht, bekommt man ein recht gutes Bild der Geschehnisse. Ich vergleiche z.B. oft die Berichterstattungen von der israelischen Zeitung „Haaretz“ und der palästinensischen Zeitung „MaanNews“.

Manchmal findet man auch Augenzeugenvideos im Internet, die das Gesehene schildern.

Auch in Deutschland und Europa ist die Berichterstattung leider (ich hoffe, die wissen es einfach nicht besser) oft sehr pro israelisch ausgerichtet. Es wird vermehrt so dargestellt als seien die Israelis die Guten und die Palästinenser die Bösen!

Leider ist das nicht so einfach abzutun.

Die Bevölkerung an sich, die Mittelschicht, die „normalen“ Menschen, wie du und ich, hassen den Konflikt, wollen nur Frieden und haben unglaubliche Angst vor einer dritten Intifada. Hier hat Jeder, leider wirklich Jeder, mindestens einen nahe stehenden Menschen bei der zweiten Intifada verloren. Wer da keinen Frieden wollte, wäre verrückt, das wissen auch die hier Lebenden.

Das Problem: Auf beiden Seiten gibt es Radikale oder Autonome, die vor nichts zurück schrecken und sich von Niemandem etwas sagen lassen. Diese Gruppe ist schwer zu kontrollieren oder abzuschrecken und genau die ist für die Anschläge verantwortlich.

Richtig schlimm wird es aber erst dann, wenn man beginnt sich mit den Einzelschicksalen der Opfer zu beschäftigen… auf beiden Seiten.

Wenn ein israelisches Ehepaar in seinem Auto auf der Landstraße vor den Augen der eigenen Kinder erschossen wird genauso, wie wenn eine 18-Jährige Palästinenserin von eine jüdischen Siedler attackiert und erschossen wird, nur weil Sie mit Kopftuch an ihm vorbeigeht.

Die Gewalt schaukelt sich hoch: man hat das Gefühl, jedes Opfer, jede Provokation, muss unbedingt von der anderen Seite mit neuen Opfern oder Anschlägen gerächt werden! Das ist Wahnsinn. Ziel muss sein die Friedensverhandlungen wieder in Gang zu bringen, nicht in diese Spirale der Gewalt, diesen Teufelskreis zu gelangen.

Selbst die Menschen, die hier schon lange Leben, erzählen, dass sie eine solche Anschlagswelle so auch noch nicht erlebt haben. Meist war der Krieg/Konflikt einfach offensichtlicher.

Für uns gilt hier in erster Linie: nicht verrückt machen lassen, aber wachsam sein. Einfach nachdenken, bevor man irgendwo hingeht.

Schließlich wohnen wir hier, wenn jemand weiß , wo er hingehen darf, dann sind wir das.

Der Altstadt, der Stimmung in den Gassen und den Menschen merkt man Veränderungen durch Vorfälle im Minutentakt an. Wenn man unterwegs ist, weiß man genau, wo man hingehen darf und wann man lieber eine andere Route einschlagen sollte.

Wenn man also dafür ein wenig Feingefühl entwickelt, befindet man sich in keiner Gefahr.

Hoffen wir einfach, dass beide Seiten sich beruhigen, den Hass überwinden und eine friedliche Lösung finden. Aus Deutschland ist die Lage natürlich schwer zu überblicken – hier passiert alle paar Stunden etwas, es ist ein ständiges Wechseln aus krisenhafter Angespanntheit und Entspannung. Vermutlich einer der Gründe der lückenhaften Berichterstattung zu Hause. Ich halte euch auf dem Laufenden!

Shalom und Salam, Friede sei mit euch!

Leander

 

PS: Meine Mentorin, die Frau vom Propst, Anette, hat bei der ARD ein Interview zur Lage gegeben. Wer sich dafür interessiert, hier der Link:

Ein Leben in Jerusalem – Das Erste (Interview mit Anette Pflanz-Schmidt)

 

***Nachtrag***

Kommentare: 

Cass (18. Oktober 2015 um 07:09) :

“ […] wie wenn eine 18-Jährige Palästinenserin von eine jüdischen Siedler attackiert und erschossen wird, nur weil Sie mit Kopftuch an ihm vorbeigeht.“

Wo haben Sie denn diesen Unsinn her? Viele orthodoxe jüdische Frauen (gerade „Siedlerinnen“) tragen auch Kopftücher, das dürfte Ihnen ja wohl schon aufgefallen sein – also warum sollte ein „Siedler“ eine Frau mit Kopftuch angreifen?

 

Josy (18. Oktober 2015 um 07:32):

Der Freiwillige bezieht sich hier auf die radikalen israelischen Siedler. Es kam schon häufig zu Ausschreitungen, als eben diese Siedler gegen Palästinenser vorgingen. Hier wird rassistisches Gedankengut gegen Araber in Gewalt umgesetzt. Der Siedler ging nicht allein aufgrund des Kopftuches auf das Mädchen los, sondern aus Radikalität gegen Araber. 
Wenn Sie provozieren wollen, tun Sie das auf subtilere Weise.

 

Leander Löwe (20. Oktober 2015 um 12:46):

Danke Josy! Sie waren schneller als ich.
Der von Ihnen benannte autonome Siedler ist nicht alleinig durch das Kopftuch, sondern durch die allgemein angespannte Situation auf die junge Frau aufmerksam geworden und versuchte es ihr vom Kopf zu reißen. Diese Vorfälle sind hier keine Seltenheit, in diesem Fall ist die Situation nur leider eskaliert. 
Die Informationen habe ich aus einem zuverlässigen Augenzeugenbericht. Ich versuche die Situation lediglich aus distanzierter Sicht darzustellen. 

 

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