Meine erste Dienstwoche: Konzerte, Wandern und Krawalle

Allgemein

Salam!

Man merkt schon: je mehr man in der Arbeit steckt, desto weniger schafft man zu schreiben.

Die erste Arbeitswoche ist vorbei und die Eindrücke möchten nicht aufhören. Als ich zuletzt schrieb, begann der erste Arbeitstag, heute habe ich das Gefühl, ich arbeite hier schon ewig.

Einen kurzen Überblick über meine letzte Woche:

Ganz Jerusalem versank zunächst im Staub, weil Israel/Palästina vom schlimmsten Sandsturm seit 10 Jahren heimgesucht wurde. Es wurde von den Behörden sogar eine amtliche Gesundheitswarnung herausgegeben.

Das Problem dabei war in erster Linie, dass überall Staub herumflog und sich auch in den Gebäuden absetzte.

Das hatte zufolge, dass am Dienstag und Mittwoch die Aufgaben (natürlich auch aufgrunddessen, dass man nicht das Haus verlassen konnte) sehr putzlastig waren. Also wischten Gesine und ich das Refektorium (Gemeindesaal) und die Bibliothek mehrfach durch.

Außerdem übernahm ich die Aufgabe, die Website der Gemeinde http://www.evangelisch-in-jerusalem.org zu aktualisieren, schaut doch mal rein. 🙂

Damit war ich auch erstmal einen Großteil meiner Arbeitszeit beschäftigt, weil daran seit Jahren sehr wenig getan wurde.

Neben unserer Arbeit lief aber generell natürlich auch sehr viel anderes Neues ab, was für euch deutlich interessanter zu lesen sein wird.

Am Dienstag war das erste Mal für mich Chor bei unserem Kantor Gunter. Ich wollte schon lang mal wieder an meine Gesangszeit aus der Kindheit/frühen Jugend anknüpfen, die ich ja wegen meines Stimmbruchs auf Eis gelegt hatte und es machte wirklich richtig viel Spaß! Vor allem, weil 4 von 6 Volos dabei sind!

Der Chor der Evangelischen Gemeinde zu Jerusalem hat also mit mir einen neuen Tenor bekommen.

Am Mittwoch war wieder After-Work, es wurde wieder entspannt, gegessen und getrunken und am Donnerstag begann meine erste Arbeit im Café Auguste Victoria.

Ich freute mich schon, hatte mir extra ein schickes Hemd angezogen, weil ich gedacht habe, dass man ja gleich von Anfang an seriös wirken könne.

Super! Die erste Aufgabe, die ich im Café bekam war das Putzen der Toiletten.  Da ich aber ja kein Problem mit solchen arbeiten habe, ging das relativ schnell vorbei. Den Rest des Tages war die Arbeit dann eher relaxed, doch abends stand die erste größere Gemeindeveranstaltung an, seitdem ich hier angekommen bin.

Das A Capella Ensemble „Pro Vocant“ gab ein Konzert im Kreuzgang der Propstei.

Die Jungs waren ziemlich gut und es hat Spaß gemacht zuzuhören.

Mehr dazu findet ihr sonst auch auf unserer Website in meinem kurzen Bericht, der bald veröffentlicht wird.

Pro Vocant in Action

Einer der von den Römern angelegten Salomonsteichen

Am Samstag stand der sogenannte Ökumenische Begegnungstag an. Der bestand aus einer Wanderung ins Artas-Tal und einem Ausflug zu dem Salomon Pools und dem Kloster Hortus Conclusus. Laut der Legende sollen hier Salomons Gärten gelegen haben, in denen er auch das Hohelied schrieb, aber geschichtlich gesehen ist das Humbug.

Dennoch ist die Landschaft hier sehr, sehr schön und das Klima ziemlich warm, was den Ausflug unvergesslich machte. Außerdem lag das Kloster direkt bei dem Ort Artás, dem wohl am besten erforschten palästinensischen Dorf überhaupt.

Landschaft im Artás-Tal

Dieses Dorf liegt, genau wie das ganze Tal, mitten in der Westbank, in der Nähe von Bethlehem und in der Zone A. Das bedeutet, daß Israelis hier keinen Zutritt haben und nur Palästinenser dort wohnen. Diese sehr wenigen Gebiete sind auch die Einzigen, wo nicht die israelischen Behörden, sondern die palästinensische Autonomiebehörde die Grundstücke vergibt und verwaltet. Das ist der Grund für einen Irrwitzigen Bauwahn… In einer Gegend, wo unter normalen Umständen kein Mensch leben wollen würde, weil es so karg und heiß ist.

Die einzige Frischwasserquelle von Artás

Der Friedhof von Artás zeigt die Armut der Palästinenser…

Das Kloster von Artás

Danach hatten wir dann die super Idee wegen Rosch Hashana an der Klagemauer vorbeizuschauen. Wir waren zuvor bei Sonnenuntergang schon einmal da, aber da waren zwar viele Leute da, aber lediglich ein Paar fingen an zu tanzen.Abends waren wir wieder einmal in einer Bar etwas trinken und sind dann gut gelaunt, nach einem anstrengenden aber sehr schönen Tag ins Bett gefallen.

Doch ausschlafen? Weit gefehlt. Am Sonntag stand unser Einführungsgottesdienst an: wir wurden im Rahmen dessen gesegnet und der Gemeinde vorgestellt, am Nachmittag zeigte ich den anderen Volos, die am Montag nicht dabei waren, die German Colonies. Abends ging es zum Tatort schauen ins Hospiz der Johanniter.

Als wir aber gegen 23 Uhr dort ankamen, war alles leer. Wie ausgestorben.

Doch als wir schon überlegten wieder zu gehen, sprang neben uns plötzlich eine Tür auf und ca. 30 tanzende Jugendliche kamen heraus und feierten und sangen. Das war sehr eindrucksvoll! Partys wie diese gibt es in Deutschland nicht. Mit diesem Bild gingen wir auch an diesem Abend glücklich und zufrieden ins Bett.

Umso überraschter waren wir, als wir am nächsten Morgen von den Ausschreitungen an der Klagemauer hörten.

Einem heiklen Thema, zu dem ich mich aber gern äußern möchte: 

Palästinensische Jugendliche sollten sich nach Provokationen eines jüdischen Politikers in der Al-Aqsa Moschee verschanzt und mit Steinen und Feuerwerkskörpern auf Polizisten geworfen haben. Das war für uns kaum zu glauben, denn davon bekam man hier nichts mit.

Klar, man hörte ab und zu mal einen Knall, aber Feuerwerk ist hier (trotz Verbot) eigentlich nichts besonderes, wird jeden Tag von irgendwelchen Leute irgendwo gezündet.

Wie unser Propst bei unserer Ankunft treffend gesagt hat: in 90% aller Knälle sind es in Jerusalem Feuerwerkskörper. Die restlichen 10% rühren von etwas Anderem.

Allgemein bekommt man aber von Ausschreitungen selbst hier, in der benachbarten Altstadt, nichts mit. Wie gesagt, im Gegenteil: ich würde sagen ich habe selten eine so friedliche Atmosphäre erlebt wie hier. Die Menschen, die wirklich komplett unterschiedlich sind, Leben auf engstem Raum miteinander und behandeln sich gegenseitig mit Respekt. In den seltensten Fällen und da gehörte der Morgen von Rosch Hashana dazu, eskaliert die Lage nunmal.

Dazu möchte ich alle, die jetzt versuchen zu argumentieren, dass Jerusalem dadurch eine extrem gefährliche Stadt sei oder ähnliches, ermutigen, mal nach Deutschland in die sächsischen Flüchtlingsheime oder in den Umkreis der Fußballstadien zu schauen. Da fliegen nämlich genauso Böller und Steine wie hier! Und das nicht nur einmal im Monat.

Generell gilt einfach, sowohl in Deutschland, als auch hier: sei nie zur falschen Zeit am falschen Ort. Und wenn man sich hier halbwegs auskennt, passiert einem auch nichts.

Lange Rede kurzer Sinn: hier ist es lange nicht so gefährlich, wie es die Medien in Deutschland darstellen. Klar, die Lage ist am Tempelberg angespannt, aber eben auch nur dort und vor Ort sind keine Terroristen, sondern Menschen, die um ihre Glaubensrechte ringen. Man sollte es grundsätzlich einfach nicht darauf anlegen in Schwierigkeiten zu kommen, denn dann kann man hier in Frieden und ohne Probleme leben.

Solang man selbst nicht mit provoziert, besteht hier nicht einmal die Chance, dass einem ein Haar gekrümmt wird. 😉

Das wollte ich nur noch einmal gesagt haben.

Gestern Abend haben wir übrigens noch unseren Volo-abend gemacht, den Film „The Book of Eli“ geschaut und eine Menge Spaß gehabt.

Und jetzt geht’s für mich wieder an die Arbeit!

Bis Bald,

Leander

Rosch Hashana an der Klagemauer

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